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Freie Zeit und innere Ruhe - Die Sache mit der Work-Life-Balance

Kaum ein Wortkonstrukt trennt die Generationen und Geschlechter der arbeitenden Bevölkerung mehr als „Work-Life-Balance“.

Im Grunde eine feine Sache, soll doch damit ausgedrückt werden, dass die Zeit, die man arbeitend und „lebend“ verbringt, möglichst gleich große Anteile der zur Verfügung stehenden 24 Stunden eines Tages erhält. Ein durchaus hehres Ziel, wie ich finde. Funktioniert nur in vielen Fällen nicht. Was also lässt die „Generation Work-Life-Balance“ in schöner Regelmäßigkeit an der Umsetzung ihres grundsätzlich guten Plans scheitern? Meine These: Die Differenzierung!

 

Kennen Sie solche Menschen? Solchen, denen es immer gut zu gehen scheint? Kollegen, die morgens grundsätzlich 20 Minuten früher im Büro sind, die den Job, für den sie bezahlt werden, erledigen und on top noch gefühlte 25 weitere, die immer ein offenes Ohr für Kollegen oder gar Vorgesetzte haben und beim nächsten Schnupfenalarm das Hausmittelchen mitbringen. Länger arbeiten? Kein Problem. Am Wochenende Liegengebliebenes wegschaffen? Klar. Oder die Mutter von drei Kindern, die halbtags frohgemut arbeitet und am Nachmittag fröhlich pfeifend Haus und Hof in Schuss hält, dann das eine Kind zum Fußballtraining, das andere zum Schwimmunterricht und das dritte zum Arzt bringt, abends auf einer Schulveranstaltung als Elternvertreterin glänzt und zwischendurch von ihrer Yogalehrerin schwärmt. Wenn Sie solche Menschen kennen, werden Sie dieses Geschehen wahrscheinlich kopfschüttelnd mit „Keine Hobbys, die Frau/der Mann!“ kommentieren.

 

Wie sieht Ihr (Arbeits-)Leben aus? Sind Sie einer von rund 13 Millionen berufsbedingten Pendlern Deutschlands? Dann sitzen Sie an Werktagen im Schnitt jeden Morgen ca. eine Stunde lang in Bus, Bahn oder Auto, um an Ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Dort angekommen, werden Sie diesen für die nächsten acht bis zehn Stunden für kaum mehr als eine 30minütige Mittagspause verlassen, bevor Sie den wiederum einstündigen Heimweg antreten. Daheim zeigt Ihnen dann ein Blick auf die Uhr, dass inklusive Einkauf, Kochen und Abendessen vielleicht noch drei Stunden bleiben, bevor Sie ins Bett gehen sollten, um die empfohlenen sechs bis acht Stunden Schlaf zu erhalten - ehe dasselbe Spiel am nächsten Morgen wieder von vorne beginnt. Und täglich grüßt das Murmeltier.

 

Ähnlich geht es selbstredend auch den Vielfliegern unter Ihnen, die morgens um 6 Uhr den ersten und abends um 22 Uhr den letzten Flieger nehmen und zwischendrin von Meeting zu Meeting springen. Auch die Alleinerziehenden unter Ihnen, die einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen und sich ansonsten um den Nachwuchs kümmern, werden dieses Summieren von arbeitsreichen Stunden kennen. Wer unter diesen Voraussetzungen noch versucht, Hobbys, Freunden oder gar der Familie Zeit zuzugestehen, der geht bald - vollkommen nachvollziehbar - auf dem Zahnfleisch.

 

Grundsätzlich ist folgendes festzuhalten: Ein Ungleichgewicht zwischen beruflich und privat verbrachter Zeit erfährt vor allem ein Mann, der Mitte der 1980er Jahre geboren wurde, nach erfolgreich absolviertem Studium die Karriereleiter eines größeren Unternehmens bestiegen hat und mit Mitte 30 feststellt, dass die für den Beruf investierte Zeit vorrangig zulasten der Familienplanung stetig wächst. Wenn Sie hingegen eine Frau in den Vierzigern sind, die in Teilzeit ihrer „Berufung“ nachgeht und sich ansonsten um Haushalt und Familie kümmert, dürfte das Thema „Work-Life-Balance“ eine eher untergeordnete Rolle in Ihrem Leben spielen. Ebenso haben, rein statistisch betrachtet, sogenannte „Double income, no kids-Paare“ weniger Probleme, ihr berufliches und privates Leben unter einen Hut zu bekommen.

 

Nun gibt es zwischen all dem jedoch eine Reihe weiterer Lebens- und Arbeitsmodelle und in Zeiten von betrieblicher Gesundheitsfürsorge, den Diskussionen um Homeoffice & Co., Geschlechtergleichstellung auch in Führungsetagen, des strategischen Timemanagements und dem allgemeinen Trend, ein möglichst gesundes, da ausgeglichenes Leben zu führen, gehört der Gedanke an das rechte Maß zwischen Arbeit und Freizeit beinahe schon zum guten Ton.

 

Warum aber ist der eine nach 16 Stunden Vollgas vollends zufrieden und der andere vollkommen fertig? Was unterscheidet den 35jährigen Managertypen von der 45jährigen Inhaberin einer nur vormittags geöffneten Boutique? Ist das erklärbar? Meiner Erfahrung nach ja. Und zwar durch drei Dinge: Alter, Prioritäten und Einstellung der Betreffenden. 

 

Work-Life-Balance als eine Frage der Generationen

Ging man in den 1970er/80er Jahren zur Schule, hatte man in der Regel um 13 Uhr Schulschluss, war zum Mittagessen daheim, erledigte (meistens) seine Hausaufgaben und widmete sich dann - richtig: Hobby und Freunden! In einem solchen Leben war es also an der Tagesordnung, der Schule einen ebensolchen zumindest zeitlichen Anteil einzuräumen, wie dem Leben. Und aus einem solchen Denken und Handeln heraus wurden Schüler zu Berufswählern, die sich wirklich frei und ihren Neigungen entsprechend beruflich orientierten. Was mache ich am liebsten? Was kann ich am besten? Was beschäftigt mich am meisten? Das waren die Fragen, die man sich stellte.

 

Heute jedoch: Unterricht bis 16 Uhr, Heimweg, lernen (von nichts kommt ja nichts), vielleicht noch sporteln (ist ja gesund), eventuell musizieren (fördert ja Vieles), fertig. Freunde treffen? Wann? Berufsziel? Geldverdienen - um (endlich!) das tun zu können, was Spaß macht, nämlich Hobby und Freunde. Einer der größten Unterschiede liegt also meins Erachtens tatsächlich im primären Ziel, dem „Sinn und Zweck“ des gewählten Berufes.

 

Work-Life-Balance als eine Frage der Prioritäten

Sofern Sie einer der sogenannten „Entscheidungsträger“ in Ihrem Unternehmen sind, sollten Sie das Setzen von Prioritäten und bestenfalls sogar das Delegieren der damit verbundenen Aufgaben gewohnt sein. Sollten Sie hingegen z.B. eine Büroangestellte sein, auf deren Tisch zu den vorhandenen dreißig Diktaten noch zwölf weitere gelegt werden, werden Sie Ihren Vorgesetzten fragen, welches der Diktate nun gerade priorisiert werden soll. So oder so: Sie beide kennen in Ihrem beruflichen Alltag die Wichtigkeit von Prioritäten.

 

Diese Wichtigkeit kann man nun tatsächlich auch in das Privatleben übertragen. Der große Unterschied liegt jedoch nun in der absoluten Eigenverantwortlichkeit. Da ist niemand, der Ihnen sagt, Sie sollten heute eher die Fenster putzen, als Staub zu wischen, oder dass Sie es heute mal gemächlich angehen lassen können.  Diese Eigenverantwortlichkeit gerade im privaten Timemanagement mag ein Lernfeld für Sie darstellen – doch es ist auch eine unfassbar große Unterstützung. 

 

Work-Life-Balance als eine Frage der Einstellung

„Pessimisten stehen im Regen, Optimisten duschen unter Wolken“ lautet der Untertitel des Buches „Läuft.“ von Notkar Wolf. Diese Worte sollte sich jeder hinter die Ohren schreiben, der in puncto „Work-Life-Balance“ mit sich ins Reine kommen möchte. Optimismus als Lebenskonzept ist tatsächlich beinahe ein Garant für ein ausgeglichenes Leben. 

 

Selbstverständlich ist mir bewusst, dass damals wie heute auch soziale, familiäre oder finanzielle Aspekte bei der Berufswahl tragende Rollen spielen. Selbstverständlich können Sie auch das System verteufeln, das Schüler bis in den Nachmittag mit Schule drangsaliert, Studierwilligen selbst in kreativen Bereichen zur Aufnahme an einer Uni einen NC von 1,4 abverlangt, Werbung hervorbringt, die schlicht und ergreifend „Ohne Moos nix los!“ suggeriert und on top mit ständig steigenden Lebenshaltungskosten hadern. Tipp: In solchen Fällen nicht nörgeln - sondern in die Politik gehen. Und etwas ändern. Mit Leidenschaft und Engagement. Zack, Berufswahl erfolgreich abgeschlossen, Work-Life-Balance garantiert. Doch nun wird ja nicht jeder, der lebensverbessernde Maßnahmen vorzubringen hat, Politiker. Was also kann der typische Angestellte von heute in puncto Work-Life-Balance tun? Die gute Nachricht lautet: Eine Menge! An Ihrem Geburtsjahr können allerdings auch die besten Ratschläge nicht rütteln. Die einfache Antwort lautet daher: Werden Sie achtsam! Lernen Sie, die richtigen Fragen zu stellen und hören Sie auf die Antworten. Die sind nämlich da. Immer!

 

Auch wenn das Thema als solches von Mütterkreisen bis in die Chefetage diskutiert wird, bitte ich Sie, sich zunächst einmal zu fragen, ob es tatsächlich Ihr Thema ist. Heißt: Sie müssen dann doch erst mal Wunschkonzert spielen! Sie müssen sich erst einmal die Fragen stellen, die die Jugendlichen, die in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrtausends zur Schule gingen, auch stellten: Was mache ich am liebsten? Was kann ich am besten? Was beschäftigt mich am meisten? Bis hier hin macht das Spiel noch Spaß. Im nächsten Schritt jedoch fragen Sie sich bitte, in welchem Bereich Ihres Lebens Sie das „am liebsten, am besten, am meisten“ tatsächlich tun? Beruflich? Privat? In beiden Bereichen? In keinem? Wenn Sie ein echter „Work-Life-Balance-Thematisierer“ sind, werden Sie nun voraussichtlich feststellen, dass Sie echt gut in ihrem Job sind, doch die wahre Freude in der Freizeit finden.

Nein, Ziel dieses Artikels ist es in diesem Fall nicht, dass nun morgen reihenweise Kündigungen eingereicht werden. Wenn Sie morgen kündigen und übermorgen einen neuen Job beginnen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass Sie einfach vom Regen in die Traufe kommen. Ein neuer Arbeitgeber wird Sie nicht davor bewahren, sich abends zum Sport zu „quälen“ oder sich Zeit „freischaufeln“ zu müssen, um zum monatlichen Doppelkopf-Abend zu gehen. Ziel ist es, Ihnen die Möglichkeit zu geben zu erkennen, wie frei Sie sein können, wenn Sie das, was Sie tun, einmal mit einem anderen, neuen Blick betrachten. Wechseln Sie die Perspektive. Gehen Sie raus aus dem Gewohnten und schauen Sie, was passiert.

 

Im nächsten Schritt widmen Sie sich daher bitte Ihren Prioritäten. Wo liegen diese? In der Ausübung Ihres Berufes und dem damit verbundenen Geldverdienen? Oder in Ihrer Familie, Ihren Freunden, Ihrem Hobby und den damit verbundenen Aspekten? Sofern Ihre Priorität nun auf Beruf und Geldverdienen liegt, hören Sie auf, sich Gedanken um ein Lebensmodell zu machen, das nicht das Ihre ist und arbeiten Sie mit aller Herzenslust an der Verwirklichung Ihrer beruflichen Pläne. Sofern Ihre Priorität auf Familie, Freunde und Hobby liegt, so ziehen Sie - erst recht wenn Sie bereits entsprechende gesundheitliche Beschwerden aufweisen - die berufliche Notbremse in dem Wissen, von nun an zwar mit einem geringeren Einkommen, dafür jedoch ausgeglichener durch das Leben zu ziehen. Sofern Sie tatsächlich keine Priorität setzen können: Herzlichen Glückwunsch, Ihr Leben scheint sich in perfekter zeitlicher Harmonie zu befinden.

 

Für diejenigen unter Ihnen, denen dieses Glück nicht beschert ist, noch ein kleiner doch wirklich feiner Tipp: Erstellen Sie to do-Listen! Nicht für die Dinge, die es im Berufsleben zu erledigen gilt, sondern für den Privatbereich. Egal, ob es um einen Frisörtermin oder das Ausräumen der Spülmaschine geht. Schreiben Sie es auf! Das hat natürlich zum einen den Vorteil, dass Sie nichts vergessen. Zum anderen jedoch - und in puncto Work-Life-Balance wichtig - werden Sie schwarz auf weiß sehen, wo Ihre Prioritäten liegen. Die mögen nicht immer „sinnvoll“ sein oder für Ihr Umfeld nachvollziehbar. Müssen sie aber auch gar nicht. Denn es sind Ihre Prioritäten in Ihrem Leben. Und wenn Sie dann bei Ihrem abendlichen Glas Wein auf dem Sofa sitzen und erledigte Dinge durchstreichen können, ist das ein wirklich harmonischer Abschluss eines Tages.

 

Nun zu Ihrer Einstellung. Auch hier kommen Sie ohne ein paar gezielte Fragen kaum weiter. Grundsätzlich sollten diese lauten: Wo liegen Ihre Stressoren? Wo empfinden Sie Glück? Wo Fülle? Wo Mangel? Wem das zu abstrakt ist, dem helfen vielleicht folgende, konkretere Fragen: Ist für Sie die Fahrt zur Arbeit und nach Hause „verlorene Zeit“ oder freuen Sie sich schon beim Runterfahren des Rechners darauf, das Hörspiel vom Morgen weiter zu hören, das Buch weiter zu lesen, den Pulli weiter zu stricken oder über die politische Lage der Nation oder Omas Waffelrezept aus Kindertagen sinnieren zu können? Was sind Ihre Kolleginnen und Kollegen für Sie? Tägliche Leidensgenossen an die Sie nach Feierabend möglichst nicht mehr denken? Oder Menschen, vielleicht sogar Freunde, mit denen Sie gern Zeit verbringen und voller Elan an Lösungen arbeiten? Wieso gehen Sie zum Sport? Weil man das so macht? Oder haben Sie Spaß an der körperlichen Aktivität? Warum gehen Sie zum Elternabend? Weil man es von Ihnen erwartet? Oder weil Sie die dort zu erwartenden Diskussionen und Informationen aus erster Hand für wertvoll erachten? Mit welcher Laune beziehen Sie Ihre Betten neu und putzen die Fenster? Damit alles sauber ist? Oder weil der Duft von frischem Bettzeug behaglich ist und die Sonne durch saubere Fenster noch schöner aussieht? Warum bereiten Sie sich Essen zu? Weil man ja was essen muss? Oder weil Sie den Geschmack frischer Tomaten und den Geruch frisch gemahlenen Pfeffers lieben? Was machen Sie, wenn Sie in einem Unfallstau stehen? Fluchen Sie lautstark über die Unfähigkeit der vor Ihnen fahrenden? Oder sind Sie dankbar, nicht selbst in den Unfall verwickelt worden zu sein? Sie werden es wahrscheinlich bereits beim Lesen bemerkt haben: Ohne Umdenken keine Chance! Und es liegt tatsächlich ganz allein an Ihnen, ob Sie nun weiterhin (gefühlt) wenig Zeit und viel Stress haben, oder mit Ruhe und Gelassenheit die Zeit, die Sie haben, entspannt nutzen.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele entspannte Abende voller durchgestrichener To-does, viel Frei-Zeit und innerer Ruhe - und einer glücklichen Balance zwischen Arbeit und Leben.

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