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ADHS und Ritalin

- Ein leicht despektierlicher Artikel -

ADHS bedeutet „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung“ und ist laut http://www.adhs-information.de „die häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung und bezeichnet eine neurobiologische Störung, die innerhalb aller Altersgruppen auftreten kann“ und durch folgende Hauptsymptome gekennzeichnet ist:

  • Unaufmerksamkeit
  • Gesteigerte Impulsivität
  • Störung der motorischen Aktivität

Im ICD-10, dem medizinischen Kodiersystem von Krankheitsbildern, hat es keine eigene Kennzeichnung, wird jedoch von Medizinern allgemein unter den Ziffern

  • F90.0 : Störung von Aktivität und Aufmerksamkeit
  • F90.1 : Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens
  • F90.8 oder F.90.9 : Andere hyperkinetische Störungen
  • F98.8 : Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität 

benannt. 

 

Ritalin ist ein Medikament auf Basis von Methylphenidat. Dieses bewirkt, dass im Gehirn die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin länger ihre Wirkung entfalten können mit der Folge, dass der gestörten Aufmerksamkeit, Motorik und Impulskontrolle entgegengewirkt wird. 

 

Seit rund 30 Jahren streitet sich nun die Öffentlichkeit darüber, ob es ADHS als Krankheit mit konkreten Symptomen nun gibt oder nicht. Meiner Meinung nach muss „das Kind einen Namen haben“ und ADHS ist eine Bezeichnung, die aufgrund der zugeordneten Symptome treffender kaum sein könnte. 

 

Doch wann hat ein Kind nun ADHS? Eltern, Lehrer oder auch Ärzte und Therapeuten machen in der Regel bestimmte Beobachtungen. Und es obliegt der Verantwortung der Eltern, Lehrer, Ärzten und Therapeuten, inwieweit sie daraufhin sowohl ihrer elterlichen, schulischen, ärztlichen oder therapeutischen Sorgepflicht gerecht werden, als auch ihren eigenen Grenzen, Möglichkeiten oder ihres Wissens entsprechend bereit, willens und in der Lage sind, mit den von ihren Kindern gezeigten Symptomen umzugehen.

 

Bezogen auf Familien bedeutet dies folgendes: Wenn Eltern beinahe täglich erleben, dass ihr Kind etwas vergißt, keine Freundschaften schließen kann, Fein- und Grobmotorik gestört sind, Konzentration Mangelware und ein geregelter Alltag quasi nicht möglich ist, dann machen eben diese Eltern sich zu recht Sorgen. Und Eltern sind nun mal ganz normale Menschen. Wie also Eltern auf eine solche Herausforderung reagieren, ist genauso wenig zu bestimmen, zu kategorisieren oder zu bewerten, wie die Kinder selbst. Ich halte daher weder etwas davon, Eltern zu verurteilen, die eine für sich selbst gangbare Lösung suchen, noch Kinder zu verurteilen, die einfach nur sind, wie sie nun mal sind. Es ist eine Gradwanderung, auf die Eltern sich da begeben. Erklären sie der Welt, ihr Kind habe ADHS und nehme Ritalin, werden sie ebenso schief angeguckt als wenn sie sagen, ihr Kind sei einfach nur anders und man müsse sich eben damit arrangieren.

 

Fakt ist, dass es Kinder gibt, die tatsächlich „anders“ sind und dieses Anderssein für Stress sorgt. Ja, tut es. Selbst ausgesprochene ADHS-Leugner und Ritalinverachter können nicht widersprechen wenn es heißt, dass das alltägliche Leben mit solchen Kindern schwierig ist. Egal ob in Partnerschaften oder als Alleinerziehender - das Leben mit „ADHS-Kindern“ wirft Probleme auf. Selbstverständlich gibt es gute Phasen, doch vor allem zu Beginn der Auffälligkeiten, wenn die große Frage nach dem "Warum" noch nicht beantwortet ist und alle Beteiligten noch nicht einmal eine Ahnung davon haben, mit was sie da um Himmels Willen wie umzugehen haben, ist das Gros der Tage tatsächlich anstrengend und ein banges Warten auf die Schulrückkehr, auf den Ablauf der Erledigung von Hausaufgaben oder das abendliche Zubettbringen zerrt an den Nerven aller. Was also tun?

 

Ich habe Kinder erlebt, die darum baten Medikamente zu erhalten, nur damit sie sich mal entspannen können. Ich habe Mütter erlebt, die ihrem bereits 12jährigem Kind morgens die bereits mit Zahnpasta bestückte Zahnbürste vorlegen, damit das Zähneputzen nicht vergessen wird. Ich habe Klassen voll mit „ADHS-Kindern“ erlebt, in denen bei Elternabenden darüber diskutiert wurde, ob die Kinder den Lehrer bei betreten des Klassenzimmers zu begrüßen haben. In den gleichen Klassen galt es bereits als erfreulich, wenn ein Tag ohne körperliche Attacke ablief. Ich habe Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs erlebt, Väter, die sich besorgt fragen, ob ihr Kind zum Neurologen muss und Kinder, die aus dem Fenster springen wollten. Gescheiterte Ehen, Koabhängigkeiten und Depressionen. Einfach zu sagen ADHS gäbe es nicht, ist also genauso unmöglich, wie zu behaupten, es gäbe mit der Gabe von Ritalin den Königsweg. Auch das System zu beschuldigen, diese Art von Kindern nicht zu akzeptieren, ist in meinen Augen alles andere als zielführend. Denn nicht ohne Grund gibt es an manchen Schulen ebenso viele psychologische Berater wie Lehrer - und dennoch hagelt es Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen überforderter Lehrer. 

 

Was also tun? In meinen Augen gibt es nicht „den“ Weg. Den gibt es bei keiner Verhaltensauffälligkeit. Und ja, genau das zeichnet Kinder aus, von denen man sagt, sie haben ADHS. Ihr Verhalten ist auffällig. Auffällig da anders als das der meisten anderen. Das ist nun erst mal wertfrei. Anders zu sein ist weder schlimm noch krank. Nur eben anders. Einzig zu beachten ist in meinen Augen der Leidensdruck. Und zwar sowohl beim Kind, als auch bei den beteiligten Erwachsenen. Eltern gehen in der Regel nicht mit ihrem Kind zum Arzt, weil es anders ist, sondern weil ihr Kind oder sie mit der daraus entstehenden Situation nicht umzugehen wissen. Auch das ist meines Erachtens alles andere als verwerflich. Im Gegenteil: Um Hilfe zu bitten, wenn man selbst nicht weiter weiß, ist für viele Menschen (und hier gerade Eltern) so unfassbar schwierig, dass jedem einzelnen ein Lob gebührt, der es dennoch tut. Schließlich offenbart man somit sein Unvermögen. Gerade in puncto Kindeserziehung eher ein „no go“, als ein gesellschaftlich positiv bewertetes Eingeständnis. Gleiches gilt auch für ein offenes Gespräch mit Lehrern. 

 

Doch wie kommt es nun zur Diagnose und wie geht man damit um? Eltern nehmen wie erwähnt wahr, dass etwas an ihrem Kind anders ist und dieses andere sorgt sie. Sie suchen das Gespräch mit Schule und/oder Arzt und geben somit zu, selbst nicht weiter zu wissen. Der Arzt wird das Kind differenziert untersuchen und sodann eine Diagnose stellen. Sofern die Diagnose ADHS lautet (respektive auf das lautet, was nach gängiger medizinischer Sicht in Summe als ADHS bezeichnet wird) ist es seine Pflicht, den Eltern alle Möglichkeiten aufzuzeigen, die laut herrschender Meinung zum Wohle des Kindes einsetzbar sind. Dies hat er möglichst wertfrei zu tun, um den Eltern eine vorurteilsfreie Wahl zu ermöglichen. Sollte also zur Behandlung des von ihm diagnostizierten Befundes u.a. Ritalin angezeigt sein, so ist es seine Pflicht, dies auch zu benennen. Unabhängig davon, was er selbst von der Gabe von Ritalin hält. Anderenfalls könnte ihn dies unter Umständen seine Zulassung oder zumindest einen höheren Geldbetrag durch Schadenersatzansprüche kosten, da er nicht umfassend aufgeklärt hat. Doch auch einem Kinderarzt ist bewusst, dass unabhängig von seinen Empfehlungen letztlich die Eltern entscheiden, wie weiter verfahren wird. Und da kommt wieder der Leidensdruck ins Spiel. Wer leidet worunter wie sehr? Leidet das Kind darunter, keine Freunde zu haben oder schlechte Noten zu erhalten? Leiden die Eltern darunter, dass ihr Kind nicht alltagstauglich funktioniert? Leidet die Haushaltskasse darunter, dass das dritte Komplettpaket an Sportsachen innerhalb eines Schulhalbjahres gekauft werden muss, weil Kind wieder den Sportbeutel im Bus hat liegen lassen? Leidet die Ehe darunter, dass man das Verhalten des Kindes unterschiedlich bewertet? Leiden Lehrer und Mitschüler darunter, weil das Kind durch seine Unfähigkeit still zu sitzen, den Unterricht stört? Und so weiter und so fort. 

 

Ich vergleiche die Gabe von Ritalin gern mit der Gabe von Antidepressiva. So sehr ich auch ein Verfechter alternativer Heilmethoden bin, wenn jemand am Abgrund steht und springen möchte, so gilt es, diesem Menschen schnell und effektiv sicheren Boden unter die Füße zu bringen. Wenn nun also aufgrund seiner ASHD genannten Verhaltensauffälligkeit der Leidensdruck eines Kindes so groß ist, dass suizidale Gedanken auftreten, ja, dann plädiere ich für die Gabe von Ritalin. 

 

Dabei ist mir selbstverständlich bewusst, dass Ritalin nicht heilt. In meinen Augen kann es lediglich den Druck von den Schultern nehmen, dabei helfen, eine Verschnaufpause einzulegen und mal wieder tief durchzuatmen. Denn zur Heilung von ADHS braucht es vor allem Kraft und Ruhe. Und vollkommen gleichgültig ob nun eine Behandlung mit oder ohne Ritalin (oder vergleichbaren Medikamenten) angezeigt ist, die wahre Arbeit erfolgt abseits jeglicher Medikation. 

 

An dieser Stelle einmal eine ganz klare Ansage an alle Kinder und Jugendlichen dort draußen, die sich mit ADHS-Symptomen herumschlagen: Ihr seid nicht schuld! An nichts! Weder daran, dass ihr euch nicht gut konzentrieren könnt, noch an euren ständig wibbelnden Beinen und auch nicht am Streit eurer Eltern oder dem Unmut eurer Lehrer. 

 

An die Ärzte habe ich die große Bitte, weiterhin ein Auge auf ADHS-Symptome zu haben, den Betroffenen Mut zuzusprechen, unterstützende Maßnahmen aufzuzeigen und nach bestem Wissen und Gewissen abzuwägen, ob die medikamentöse Therapie tatsächlich angezeigt ist. 

 

Lehrern möchte ich hier vorrangig meinen Respekt aussprechen. Mögen Sie stets von dem Enthusiasmus genährt werden, der Sie hat Lehrer werden lassen. Denn anderenfalls würde Unterricht zum Flöhehüten verkümmern oder gar zum Kampf gegen Windmühlen - mit und ohne ADHS-Schülern im Klassenzimmer. Und sofern Sie Kinder mit ADHS-Symptomen in der Klasse haben, so denken Sie bitte daran, dass es nicht Ihre Aufgabe ist, eine entsprechende Diagnose zu stellen. So klar die Lage sich Ihnen auch darstellen mag, ist das tatsächlich einzig Ärzten und Psychologen  vorbehalten. Doch für Ihre weitergehende Unterstützung werden Ihnen alle Beteiligten dankbar sein. 

 

Und nun zu den Eltern: Auch Sie trifft keinerlei Schuld! Ihre einzige Aufgabe ist die, die alle anderen Eltern auf dieser Welt auch haben: Ihr Kind zu lieben. Nein, dadurch verschwinden die ADHS-Symptome nicht - doch es erleichtert das Leben mit ihnen ungemein. Und vor allem gibt diese Liebe Kraft. Ihnen und Ihrem Kind. Denn die brauchen Sie, um sich selbst und ihr Kind da durch und da raus zu manövrieren. 

 

Um das zu schaffen, hier noch der ein oder andere Gedankenanstoß:

Machen Sie sich bitte klar, wo Ihre Grenzen sind. Keinem ist damit gedient, wenn Sie am Ende jedes Tages auf dem Zahnfleisch gehen, Ihnen am allerwenigsten. Ich verweise da gerne auf das Video, dass jeder, der bereits eine Flugreise erlebt hat, über sich ergehen lassen durfte. Im Falle eines Druckabfalls kommen Sauerstoffmasken über den Sitzen heraus. Erinnern Sie sich noch, wem man als erstes diese Maske aufsetzen soll? Richtig, sich selbst! Einzig aus dem Grund, damit man dann gefahrlos anderen helfen kann. Also hören Sie in sich hinein und passen Sie gut auf sich auf. 

 

Wenn Sie merken, dass Sie keine Kraft mehr haben, den täglichen Hausaufgabenkampf auszufechten, das Kind mal wieder vor die Türzarge rennt, das Glas umschmeißt, den Sportbeutel vergessen hat, nicht mit den Nachbarskindern spielen möchte oder der erboste Lehrer anruft gebe ich Ihnen zudem den Tipp: Reden Sie mit Ihrem Kind. Und zwar bevor die Situation eskaliert. Also bevor Sie ausrasten und nicht weil Sie ausrasten. Ihr Kind mag ADHS haben, doch es ist weder dumm noch verstockt oder gar böswillig. Es wird Sie verstehen. 

 

Suchen Sie sich Unterstützung! Das muss nicht immer ärztliche sein. Und je nach Schweregrad der Symptome eben auch nicht zwingend die medikamentöse Therapie Ihres Kindes. Doch selbst wenn diese angezeigt ist, wird der Kinderarzt sicherlich zu weiteren Maßnahmen raten. Auf jeden Fall zu einer psychologischen Unterstützung und dort meist zu einer Verhaltenstherapie. Doch auch Ergotherapie erzielt großartige Ergebnisse, hier vorrangig in puncto Grob- und Feinmotorik. Ein Lerncoaching kann helfen, bestimmte Lernmethoden einzusetzen, ein Neurofeedback-Training kann helfen, die Konzentration gezielt zu steuern. Sport ist ein großartiges Mittel, die Motorik zu verbessern und den Körper auf gesundem Wege zu „ermüden“. Gerade bei jüngeren Kindern ist die Psychomotorik wunderbar mit einfachsten Mitteln zu unterstützen. Bei Kindern und Jugendlichen, die Interesse an Musik haben, kann auch das Erlernen eines Instruments die Feinmotorik so weit positiv beeinflussen, dass die Grobmotorik sich gleichermaßen verbessert. Auch bestimmte „Diäten“ und erfahrungsgemäß der Verzicht auf Zucker & Co. helfen dabei, körperliche Symptome zu verringern. Ätherische Öle können unterstützend zur Konzentrationsförderung, Entspannung oder als natürliche Einschlafhilfe eingesetzt werden. Auch mit Yoga oder Massagen erzielt man gute Resultate. Spaziergänge, Aufenthalte am Meer, alles, was Ihnen für sich selbst noch als beruhigend einfällt, ist einen Versuch wert. Sie merken: Es gibt viele Wege. Nutzen Sie sie!

 

Nun ist mir jedoch bewusst, dass neben dem finanziellen Aspekt auch ein zeitlicher Faktor besteht, der es vielen Familien oder Alleinerziehenden nicht oder nur in geringem Maße erlaubt, all diese Dinge wie Sport, Musikunterricht oder auch teilweise nicht von Krankenkassen übernommene Therapieformen in den Alltag zu integrieren. Vielleicht hilft es Ihnen dann zu wissen, Sie sind nicht allein! Es gibt sicherlich auch in Ihrer Nähe eine Gruppe von ADHS-Eltern. Auch das kann durchaus hilfreich sein, denn bei solchen Treffen geht es nicht nur um den Austausch von Leid, sondern erhält man durchaus auch interessante Anregungen, wie man sich selbst oder das Kind weiter unterstützen kann. Trauen Sie sich!

 

Zu guter Letzt noch ein Wort an all die Kritiker dort draußen: Nein, nicht jedes Kind, das den Unterricht stört, hat ADHS und ja, unruhige Kinder gab es immer schon. Mir geht es jedoch um die Kinder, die selbst unter diesen Gesichtspunkten aus der Reihe tanzen. Und da ist es mir vollkommen egal, wie man es nennt. Mir ist es (zumindest im ersten Schritt) auch egal, woher es kommt. Mir ist es jedoch nicht egal, wenn Eltern zusammenbrechen. Und erst recht nicht, wenn Kinder über Selbstmord nachdenken. Also spart euch doch bitte die Diskussion über die (richtige oder falsche) Bezeichnung oder das (vermeintlich inkompetente) System. Helfen tut die niemandem. 

 

Sofern Sie oder Ihr Kind Unterstützung beim Finden geeigneter Lerncoachings, Therapien oder Methoden zur (Stress-)Bewältigung benötigen, schreiben Sie mir gerne eine E-Mail an silke@villa-vitae.com

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