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Entdecke die Jahreszeiten - Die Raunächte

Die Raunächte - Alte Bräuche, neue Sitten

 

Als Raunächte werden 12 Nächte vom Jahresende bis Jahresanfang bezeichnet. Ähnlich wie bei Samhain, so ist auch hier das genaue Datum, von wann bis wann diese Nächte begangen werden, jedoch umstritten, ja in manchen Gegenden Europas sind sie sogar auf vier Nächte reduziert. Die geläufigste Variante legt die Raunächte jedoch in die Zeit zwischen dem 25.12. und dem 06.01., beginnend also mit der Nacht des ersten Weihnachtstages auf den zweiten und endend mit der Nacht auf Epiphanias, dem Tag der Heiligen drei Könige.

 

Bräuche, Mythen und Sagen gibt es rund um die Raunächte mehr als diese zählen. Von der „Wilden Jagd“ wird dort berichtet, von der „Percht“ und den „Glöcklern“, von Orakeln und Zukunftseinblicken, vom Räuchern uvm. Interessanter weise haben sich einige davon tatsächlich bis heute gehalten - auch wenn ihr Ursprung oftmals nicht mehr bekannt ist.

 

So nennen viele die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr „zwischen den Jahren“. Grundsätzlich ja erst mal vollkommen unlogisch, schließlich endet das eine Jahr ganz konkret am 31.12. und beginnt das andere am 01.01. Da gibt es kein „dazwischen“. Wie so oft liegt des Rätsels Lösung in dem früher verwendeten lunaren Kalender: Ein Mondjahr hat tatsächlich elf Tage (also 12 Nächte) weniger als ein Jahr nach heutigem Kalender. In der Zeit der Umstellung von Mond- auf Mond-Sonnen-Jahre hieß es also plötzlich „zwischen den Jahren“ - und das hat sich bis heute gehalten.

 

Oder das beliebte „Bleigießen“ zu Silvester - kaum jemand, der sich diesem Spaß in geselliger Runde entzieht. Auch hier liegt der Ursprung in den Mythen der Raunächte und dem Glauben, in dieser Zeit sei es möglich, Einblicke in die Zukunft zu erhalten.

 

Überhaupt „Silvester“: Was machen wir um Mitternacht? Wir liegen uns in den Armen, wünschen uns gegenseitig alles Gute - und böllern! Je lauter und bunter desto besser. Liebe, Lachen, Lärm. Nun war früher zwar definitiv nicht alles besser, doch zu Zeiten, in den die Raunächte aktiv begangen wurden, zumindest das Weltbild einfacher: Gut und böse. Das „Böse“ waren währen der Raunächte die „bösen Geister“, die Verstorbenen, die den Lebenden ihr Leben missgönnten, gekrönt von der „Wilden Jagd“, eben jener verstorbenen Seelen, die in Begleitung von Pferden und Hunden über den Himmel zogen, begleitet von der „Percht“, einer weiblichen Gestalt, die den Winter nebst all seinen negativen Seiten wie Kälte und Hunger fest regierte. Dieses Böse galt es zu vertreiben. Man putze Häuser, man mistete Ställe aus, man reinigte beides durch das Verräuchern von Weihrauch und segnete sie, man fand sich zusammen, man hielt, in christlichen Gegenden, Gottesdienste ab - und man machte Lärm. Aus letzterem ist nicht nur das alljährliche Feuerwerksspektakel, sondern auch der Brauch der „Glöckler“ entstanden, Gruppen, die lärmend von Haus zu Haus ziehen. Vor allem im Alpenraum gibt es noch heute Glöckler-Gruppen; eine davon wurde sogar in das „Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ in Österreich aufgenommen.

 

Und noch etwas, was ich ganz persönlich mit Silvester verbinde: Als ich ein Kind war, erklärte mir mein Großvater, ein ansonsten vollkommen „unmystischer“ Mensch, dass man über Silvester keine Wäsche aufhängen solle, da sonst jemand sterbe. Was ich als Kind einfach hinnahm und woran ich mich später im eigenen Haushalt hielt, bekam durch die Raunächte viele Jahre danach eine Erklärung. So hieß es doch in alten Zeiten, die Wäscheleinen seien einzuholen, da sich darin die „Wilden Jäger“ verfangen könnten, die vor allem durch weiße Wäschestücke angelockt würden, welche sie mitnähmen, um daraus Leichentücher für die baldigen Wintertoten zu machen. In heutiger Zeit wahrlich keine Kindergeschichte mehr - auch wenn der Grundgedanke erhalten geblieben ist.

 

Der festlich geschmückte Weihnachtsbaum hingegen lässt Kinderaugen strahlen - und nicht nur die ;-). Eine raunächtliche Parallele dazu, wenn auch eine historisch umstrittene da zeitlich nicht exakt bestimmbare, stellt das Julfeuer dar. In skandinavischen Ländern wurde (und wird) dazu u.a. ein großer Baumstamm jeden Abend erneut angezündet und ein Stück weit heruntergebrannt, bis man ihn in der letzten Raunacht gänzlich abbrennen lässt.

 

Doch nicht nur im Alpenraum und „Odins Reich“ kannte man die Raunächte. Auch in Britannien wurden sie gefeiert. Einer der für mich schönsten Bräuche dieser Region ist die „Zwölfnacht“, also die letzte Raunacht. Auch dort kam man in dieser Nacht zusammen und feierte in geselliger Runde den Sieg des Guten über das Böse. Um Mitternacht dann, zum Höhepunkt des Festes, wurde der Knecht zum Herrn, alles war erlaubt, man tat, was man sich wünschte. Und man aß den „Zwölfnachtkuchen“, einen Fruchtkuchen der im Übrigen unserem heutigen Stollen nicht unähnlich ist. In diesen Kuchen wurde eine Bohne eingebacken und wer sie fand, dem war ein glückliches Jahr verheißen.

 

Vieles wird also heute während der Raunächte unbewusst benannt oder getan, dem der alten Ursprung zugrunde liegt. Wir räumen unsere Wohnungen und Häuser auf, verfallen dem Putzwahn, misten aus, werfen weg, geben Geliehenes zurück, begleichen Schulden (nicht nur pekuniäre), spenden, nutzen mehr Kerzen also sonst das ganze Jahr über, versammeln Familie und Freunde um uns, gehen zumindest am Weihnachtsabend in die Kirche. All das ist hier bei uns fester Bestandteil der Weihnachtszeit und des Jahreswechsels. Doch es gibt auch Menschen, die dies alles ganz bewusst und im Gedenken an die alten Raunachtsbräuche machen. Es wird nicht nur geputzt, sondern zudem geräuchert und gesegnet und so das Böse aus den vier Wänden verbannt und das Gute eingeladen zu kommen, um zu bleiben. Kerzen werden nicht nur um des gemütlichen Glanzes wegen angezündet, sondern um die Dunkelheit auch im übertragenen Sinne zu vertreiben. In Meditationen wird bewusst für das Gute des endenden Jahres gedankt und um das des beginnenden Jahres gebetet. Und nicht nur den Hilfsorganisationen wird gespendet, sondern auch den Geistern der Verstorbenen wird gedacht, indem ein Teil der Weihnachtsbäckerei oder des Rotweins vom Festschmaus „geopfert“ wird.

 

In diesem Sinne wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen wunderbaren Jahreswechsel. Und ganz gleich, wie Sie die Zeit „zwischen den Jahren“ verbringen: Mögen Sie Ihre Bohne finden :-)!

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